Hochtour

Hochtour auf das Zuckerhütl

Ziel erreicht

Freitagmorgen 05:15 Uhr

Ich habe eine unruhige Nacht hinter mir. Das Leben auf 2899 m über Null ist schon hart. Soll es heute wirklich passieren? Ich kann es kaum glauben. Es soll endlich mal auf einen ordentlichen Berg gehen, zwar nix wildes, aber mit Gletscherüberquerung. Nach dem die letzten Versuche (links setzten) alle fehlgeschlagen waren , gibt es heute einen neuen Anlauf. Etwas steif quäle ich mich von der oberen Pritsche runter. So langsam kommt Leben in unser Zimmer, unsere Seilschaft erwacht nach und nach und sieht auch nicht fitter aus.

Nach einer Katzenwäsche mit eiskaltem Bergwasser geht es zum Frühstück. Boah, morgens um 06:00 Uhr zu frühstücken ist nicht meins. Ich quäle mich eine gefühlte Ewigkeit mit 2 Scheiben Brot rum, dazu 2 Tassen Englisch Breakfast Tee, den Tee hatte ich extra mitgenommen, etwas Luxus darf schon sein. Schnell noch die Thermoskanne mit Tourentee abgefüllt und ab aufs Zimmer. Kurzer Materialcheck, alles da, nix vergessen. Hatte ich ja auch schon am Vorabend alles parat gelegt.

Schnell den „Hochtourentanga“ angelegt, Eisschraube eingehängt, Karabiner dran, Reepschnüre eingehängt und schnell noch die Bandschlinge befestigen und los. Helm und Pickel waren am Rucksack befestigt. Wo sind die Steigeisen? Im Rucksack, wo sonst. Boah, Alter, wirst du jetzt nervös? Ein wenig schon, aber ich freute mich wie Bolle. Sollte es heut endlich klappen? ?

Tür auf und raus aus der Hütte. Puh, ist das ein doofes Wetter. Es war nebelig, kühl und einfach uselig. Erste Zweifel kamen wieder auf, wird das heute wieder nichts mit einem Gipfelerfolg?

Michel, unser Bergführer, war schon draußen. Er begrüßte uns mit einem Grinsen. „Lässiges Wetter heute“, waren seine Worte zur Begrüßung. Lässiges Wetter? Es war, kühl, nebelig und windig. Das soll lässig sein? Was wird uns dann unterwegs noch alles als lässig verkauft? ?

Dann ging es endlich los. Erst kurz hinunter in Richtung See und dann leicht aufsteigend. Nach ca. 30 Minuten kamen wir an die erst Stelle, an der wir angeseilt wurden. Nichts besonders Schwieriges, aber es ist morgens und alle sind etwas aufgeregt und haben unterschiedlicher Erfahrung. Sicherlich eine gute Entscheidung. Also ruckzuck ins Seil eingebunden. Jeder zweite in der Seilschaft bekam einen zweiten Karabiner ca. 1,5 m vor sich eingebunden, den er ins Stahlseil einhängen musste bzw. bei Bedarf umhängen musste. Danach noch einmal Partnercheck und Kontrolle von Michl. Ziemlich zügig überwand unsere Seilschaft diesen schmalen Steig, mit den zwei etwas schwierigeren Passagen.

Querung
leichte Querung

Danach schnell aus dem Seil ausgebunden und es ging weiter in Richtung Anseilpunkt auf dem Pfaffenferner. Dabei ging es über einen abwechslungsreichen Steig immer bergauf. Um dann auf den Pfaffenferner zu kommen wurde es dann doch etwas tricky. Wir mussten auf einer Blockhalde absteigen. Durch den immer weniger werdenden Permafrostboden war das doch schon eine ziemlich lose Angelegenheit. Unten angekommen dirigierte uns Michl etwas weiter nach links und wir zogen unsere Steigeisen an. Dabei drückten wir etwas auf die Tube, denn eine uns nachfolgende Seilschaft schickte einige Steine beim Abstieg in unsere Richtung.

Da der Gletscher aper war, banden wir uns nicht ins Seil ein. Michl dirigierte uns vom Rand des Pfaffenferners etwas in die Mitte und aus der Geröllzone raus. Da der Gletscher recht spaltenfrei war, ging es zügig in Richtung Pfaffenjoch.

Das Wetter war noch immer nebelig und kühl, immer wieder zogen Wolkenfetzen über den Pfaffenferner. Irgendwie wurde ich an „The Fog, Nebel des Grauens“ erinnert. Es wäre jetzt echt „lässig“, wenn das Piratenschiff hier vorbeifährt ?

Als wir das Pfaffenjoch erreichten, mussten wir da noch kurz rüber, um dann auf dem Sulzenauferner zu stehen. Dieses gehen/klettern mit Steigeisen auf Stein finde ich echt gewöhnungsbedürftig. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich das noch nicht so oft gemacht habe. Also rüber über das Pfaffenjoch und rauf auf den Sulzenauferner. Hier standen wir im kompletten Nebel und es war kaum 15m weit zu sehen. Da der Sulzenauferner nicht aper, sondern schneebedeckt ist, banden wir uns ins Seil ein und gingen in Seilschaft weiter. Da ich ja echt gerne am Ende einer Gruppe gehe und Michl nichts dagegen hatte, bildete ich das Ende unserer Seilschaft. Michl stapfte voran durch den Schnee und wir folgten in ca. 8m Abständen.

Angeseilt im Schnee
Wandern im Nebel

Leicht ansteigend ging es immer näher in Richtung Zuckerhütl. Leider konnten wir nicht immer die Direttissima nehmen, sondern mussten immer mal nach rechts oder links abfallen, um größere Gletscherspalten queren zu können. Dabei prüfte Michl mit seinem Stecken immer wieder, ob die Schneebrücken halten oder nicht. Nach ca. 60 Minuten standen wir dann vor dem Zuckerhütl. Noch knapp 150 Höhenmeter und wir hätten den Gipfel erreicht. Also runter vom Gletscher und ausgebunden, die Steigeisen abgelegt und das überflüssige Equipment am Gipfelfuß deponiert.

Da es beim Aufstieg doch einige ausgesetzte Stelle gibt, wurden wir wieder ins Seil eingebunden. Dann ging es aufwärts in Richtung Gipfel. Michl stieg wieder voran, dabei sicherte er uns mit dem Seil. Das Seil wurde dabei immer, auf Michels Anweisungen, in Metallösen eingelegt bzw. rausgenommen, die in den Stein geschlagen/gebohrt waren. Ich empfand den Aufstieg als gut machbar, die UIAA-Grad I bzw. II Kletterstellen waren gut zu meistern. Gefühlt hat es auch geholfen, dass ich seit knapp 8 Monaten regelmäßig in der Halle klettern gehe. Mann hat mit dem Wissen, auf was ein Fuß alles stehen kann und an was man sich alles festhalten kann, doch ein besseres Gefühl ?

 

Dann war es soweit: Wir standen auf dem Gipfel.

Yeah, endlich hatte mal eine Hochtour mit einem Gipfelerfolg geendet, das Zuckerhütl war erklommen! Wir standen im Nebel am Gipfelkreuz des Zuckerhütl. Wir, das waren Christiane, Jenny, Alex, Dominik, Omar, Michel und ich.

Zuckerhütl
Gipfelerfolg am Zuckerhütl

Durch das „lässige“ Wetter, es war immer noch nebelig und wolkenverhangen, war die Aussicht gleich Null, es riss zwar immer mal wieder für ein paar Sekunden auf, aber nichts von Dauer, um die Fernsicht genießen zu können. Nach etwa 20 Minuten ging es dann nach dem obligatorischen Gipfelselfie wieder über die Aufstiegsroute zurück zum Fuß des Zuckerhütls.

An unserem „Materialdepot“ angekommen, wurden die Steigeisen wieder angelegt und wir banden uns wieder ins Seil ein. Zwischenzeitlich rissen die Wolken immer mal wieder auf und die Sonne kam immer mal wieder durch. Mit mir wieder am Ende der Seilschaft brachen wir dann in Richtung Pfaffenjoch auf.

Da die Sicht besser wurde, konnten wir endlich mal die Umgebung bestaunen, und es gab einiges zu bestaunen.  Durch die bessere Sicht ging es auch wesentlich zügiger voran als heute am frühen Morgen und das obwohl unterwegs fleißig Fotos geschossen wurden. Am Pfaffenjoch angekommen gab es noch eine kurze Vesperpause mit Tee. So richtig gemütlich war es nicht, da das Wetter doch ständig wechselte. Also stiegen wir wieder mit Steigeisen über das Pfaffenjoch um über den Pfaffenferner abzusteigen. Da wir nicht angeseilt waren, konnte jeder sein eigenes Tempo gehen. Unterwegs erklärte uns Michel noch einiges über die Entstehung von Gletscherspalten. Nach dem wir den Pfaffenferner überwunden hatten, erwartete uns eine ziemliche Rutschpartie an der Blockhalde, auf der wir heute Morgen schon abgestiegen waren, diesmal nur in die andere Richtung. Aber auch das meisterten alle. Oben angekommen ging es dann über den Steig wieder zurück in Richtung Hildesheimer Hütte.

Brücke
Brückenquerung auf dem Rückweg

So langsam fing mein rechte Knie trotz Bandage an rumzuzicken, nicht doll aber es meldete sich. Gemütlich ging es weiter in abwechslungsreichem Gelände weiter. An der verteilten Stelle von heute Morgen banden wir uns erneut ins Seil ein und sicherten uns mit den zusätzlichen Karabinern. Zügig querten wir diese Stelle, so langsam merkte ich auch das die Beine müde wurden, aber es war nicht mehr weit bis zur Hütte. Ein letzter Anstieg und wir hatten es geschafft. Als wir auf der Hütte ankamen, hatten wir herrlichsten Sonnenschein. Wir setzten uns auf die Terrasse und feierten unseren Gipfelerfolg. Dabei gab es das ein oder andere kalt Getränk. Der Hunger wurde mit Kaiserschmarren und Topfenstrudel gestillt. Wir saßen sicherlich 1- 1 1/2 Stunden in der herrlichen Sonne, was noch folgen haben sollte. Als ich das Wetter etwas zuzog, wurde es auch Zeit etwas zu „chillen“. Nach dem Duschen legte ich mich erst einmal zufrieden für eine 3/4 Stunde auf meine Pritsche, um das Erlebte noch einmal Revue passieren zu lassen, extreme Schilling so zu sagen ?. Naja ein wenig fielen die Augen dabei auch zu. Um 18:30 ging es zum Abendessen, es gab wie immer ein leckeres vier Gang Menü, heute mit Lamm als Hauptspeise. Aber irgendwie wollte das Essen nicht schmecken, auch das Radler lief nicht so die Kehle runter. Ich war aber nicht der einzige, dem es so ging. Gegen 21 Uhr  verdrückten wir uns auf unser Zimmer, alle mehr oder weniger angeschlagen. Da mein Knie mittlerweile echt Ärger machte, hatte ich mit Michl abgesprochen, das ich am nächsten Tag nicht mit auf den Klettersteig gehen würde, sondern gemütlich ins Tal zum Gasthaus Fiegl absteigen würde. Wie sich später rausstellen sollte, war das eine gute Entscheidung. Omar wollte mich dabei begleiten. So ging ein ereignisreicher Tag zu Ende. Ziemlich erledigt und mit einem flauen Gefühl im Magen ging es ins Bett.

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